Dienstag, 20. November 2012

Der Ballengang funktioniert bei mir nicht!


Vielleicht haben Sie sich über die Überschrift dieses Artikels ein wenig gewundert. Und das zu Recht, denn sie ist subjektiv oft richtig und objektiv dennoch falsch.

Seit Jahren übe und unterrichte ich den Ballengang oder das funktionale Gehen, wie ich es auch gerne nenne. In der ersten Phase begegneten mir viele Menschen, die den Ballengang bereits kannten, ihn aber wieder zu den Akten gelegt hatten, weil er „nicht funktionierte“. An dieser Stelle wurde ich natürlich neugierig und ließ mir zeigen, was sie denn unter Ballengang verstanden. Das Ergebnis war meist ziemlich sonderbar und ich dachte mir häufig: „Klar DAS kann ja auch nicht funktionieren!“ Ich führte diese seltsamen Eigenkreationen darauf zurück, dass es – abgesehen von einigen wenigen Seminaren – kaum eine Quelle gab in der der Ballengang wirklich im Ablauf erklärt wurde. Das war dann der ausschlaggebende Punkt, der mich dazu bewegte, meinen Klienten-Leitfaden auch für die Öffentlichkeit als Büchlein zu veröffentlichen.


Seither habe ich das Gefühl, dass die Lage sich ein wenig gebessert hat. Dennoch bekomme ich regelmäßig Besuch von „erfahrenen“ Ballengängern, die im Vorgespräch bereits unzählige Anbieter diverser Methoden aufzählen können und diese besucht haben, fünf Millionen Hersteller von Barfuß-Schuhen kennen und auch sonst einen recht versierten Eindruck machen. Häufig frage ich mich dann, was dieser Mensch von mir will, wenn er doch bereits weiß wie „es geht“. Die Realität lässt mich dann aber doch wieder an die alten Zeiten denken, denn das Endresultat der tollen Seminare bei Feldenkrais, Spiraldynamik, Rolfing und wasweißich, ist meist doch eher traurig. Zumindest das was beim Seminarbesucher hängengeblieben ist.

Abgesehen von diesen oft konzeptionellen Fehlern, die entstehen, wenn man eben nur den Fuß im Blick hat oder das Gehen zwanghaft einem übergeordneten methodischen Prinzip unterordnen will, statt den Körper „machen zu lassen“, gibt es tatsächlich einige Faktoren, die den Ballengang verhindern oder zumindest erschweren. Um meinen E-Mail Posteingang ein wenig zu entlasten, möchte ich hier kurz und pauschal auf die am häufigsten auftretenden Fragen eine kurze Antwort geben.

Schuhe

Eigentlich ein gelutschter Drops aber er scheint noch nicht überall angekommen zu sein. Schuhe mit Absatz, Sprengung, zu dicker und/oder unflexibler Sohle und mangelnder Zehenfreiheit erschweren den Ballengang und machen ihn je nach Ausprägung der einzelnen Faktoren unmöglich. Liebe Damen: JA Sie laufen auf High-Heels auf dem Ballen und NEIN das ist nicht mit Ballengang gemeint :) Wenn Ihre Ferse nicht ebenerdig absetzen kann bei jedem Schritt, dann haben Sie ein ernstes statisches Problem in Ihrem Körper.

Ballast

Egal ob Sie Taschen, Kleinkinder, Rucksäcke oder Ihre Frau durch die Gegend tragen, es wird Ihnen den Ballengang schwer bis unmöglich machen. Häufig berichten mir Wanderer und Hiker von Problemen mit dem Ballengang, wenn Sie Rucksäcke tragen. Ganz logisch! Denn simpel ausgedrückt zieht Sie der Rucksack nach hinten auf Ihre Ferse. Um jetzt noch Ballengang zu gehen, müssen Sie sich sehr bewusst nach vorn lehnen, um diesen Effekt auszugleichen. Das funktioniert, ist aber ungleich schwerer als Gehen ohne Rucksack. Gewichte, die Sie vorm Körper tragen, machen den Ballengang noch schwerer. Um nicht nach vorn überzukippen werfen viele Menschen Ihre Hüftachse nach vorn und bringen sie sozusagen unter das Gewicht. Wenn Sie nun versuchen sich mit dem Gewicht nach vorn zu bewegen, indem Sie ihren Körperschwerpunkt nach vorn verlagern, bekommen Sie durch Ihren zusätzlichen Ballast ziemliche Probleme mit dem Gleichgewicht. Je nachdem wie viel Gewicht Sie schleppen, ist Ballengang in diesem Muster fast unmöglich. (je zentraler Sie das Gewicht platzieren können, z.B. auf dem Kopf oder auf den Schultern, desto weniger weichen Sie von Ihrer Lot-Linie ab. Ballengang funktioniert so auch mit Gewicht noch sehr gut). Einseitiger Ballast in Form von Handtaschen oder Einkaufstüten behindert zumindest Ihre kontralateralen Bewegungen und damit auch einen eleganten Ballengang. Emotionalen Ballast lassen wir erst einmal unbetrachtet ;)

Geschwindigkeit

Das Thema wird bereits im Buch erklärt. Wenn Sie sich in dem für unsere Gesellschaft so typischen „Schnellgeher“-Tempo bewegen, dann werden Sie Probleme mit dem Ballengang haben. Entweder Sie gehen, sie laufen/traben oder Sie rennen. Kein Tier geht verkrampft hektisch und schnell, nur weil das Hemd nicht aus der Hose rutschen darf und laufen im Armani-Anzug gesellschaftlich nicht so akzeptiert ist.


Natürlich gibt es darüber hinaus eine Menge verkopfte Ideen, die z.B. aus dem Ballengang einen Storchengang machen und deutlich seltsamer anmuten lassen als nötig, weil das Becken oder die Füße vorangehen. Die Oben genannten Faktoren sind aber externe Faktoren, die auf Sie einwirken und Sie auch beeinflussen, wenn Sie ansonsten den Ballengang vom Grundschema verstanden haben. Natürlich gibt es unendlich viele individuelle Abwandlungen, die einem das Gehen erschweren können. Trotzdem denke ich ist gerade dem Anfänger mit dieser kleinen Ausführung schon viel geholfen.

Also viel Spaß beim Üben und lassen Sie Ihren Körper machen ;) der weiß es nämlich meist besser.