Sonntag, 28. Oktober 2012

Kontralaterale Bewegungen – Schunkeln Sie schon oder schweben Sie noch?


Ein Blick auf die Straße reicht und Sie werden sie sehen: Schunkelnde Menschen!
Keine Angst, wenn Sie vermuten meine Düsseldorfer Herkunft verleitet mich einen karnevalistischen Artikel zu schreiben, dann liegen Sie falsch. Es geht um kontralaterale Bewegungen. Der fachchinesische Begriff beschreibt im Fall des Ballengangs eine gegenläufige Bewegung von Becken und Schultergürtel. Einfach gesagt bedeutet das, dass Ihre rechte Schulter vorn sein sollte, wenn Sie mit dem linken Bein einen Schritt machen. So weit so gut und auch so simpel. Im Grunde kennen Sie dieses Muster von Sich selbst, wenn Sie zum Beispiel rennen. Wenn Sie selbst weniger rennen und sich nicht mehr an Ihre Kindheit erinnern können, dann hilft ein kurzer Blick auf jeden x-beliebigen Sprintwettbewerb, den Sie bei YouTube oder sonst wo finden. Kontralaterale Bewegungen sind ein Eckpfeiler des Ballengangs, wie Sie aus meinem Büchlein bereits wissen. Bei hoher Geschwindigkeit sorgen sie dafür, dass Sie in der Spur bleiben. Sie können ja einmal probieren jeweils den rechten Arm und das rechte Bein und umgekehrt zu benutzen und damit zu rennen. Es wird Ihnen nicht gelingen.


Wir sprechen also über ein vollkommen natürliches Muster, über das es im Grunde kein Wort zu verlieren geben dürfte. Doch weit gefehlt. Sie erinnern sich an die schunkelnden Menschen. Im Alltag begegnen uns nämlich viele Menschen, die beim Gehen keinerlei kontralaterale Bewegungen einsetzen. Ganz besonders auffällig ist dies bei alten Menschen oder übergewichtigen Zeitgenossen. Statt den Körper gegenläufig zu verdrehen, schunkeln diese Personen regelrecht von einem Bein auf das andere. Abgesehen von der Tatsache, dass dieses Bewegungsmuster etwas seltsam anmutet und schnelles dynamisches Bewegen damit unmöglich ist, birgt es doch auch einige tiefer liegende Probleme.

In meinem Praxisalltag habe ich häufig Klienten unter meinen Händen, die einer Bürotätigkeit nachgehen. Häufig sind ihre Arbeitsplätze „ergonomisch“ ausgerichtet, was bedeutet, dass alles in Griffweite ist. Tatsächlich müsste es wohl heißen „ökonomisch“ ausgerichtet, denn es sorgt lediglich dafür, dass Sie weniger Zeit verlieren. Und Zeit ist bekanntlich das Geld Ihres Arbeitgebers. Besser wäre es, denn Locher auf den Nachbartisch zu stellen und sich dadurch gezwungenermaßen häufiger zu bewegen und die Zwangshaltung am PC so oft es geht zu verlassen. Wer auf diese Weise acht Stunden am Tag frontal ausgerichtet ist, klagt häufig über Rückenprobleme. In meiner jahrelangen Tätigkeit hat sich gezeigt, dass diese Probleme bei einer Vielzahl von Klienten verschwanden, wenn Sie mehr Wert auf kontralaterale Bewegungen legten nachdem ich Ihnen den Ballengang gezeigt hatte. Kontralaterales Bewegen ist nicht nur dynamischer und effizienter es birgt auch das Potential, Rückenprobleme, die durch ein „halten“ in den Strukturen verursacht werden, zu lösen.

Lassen Sie also demnächst einfach einmal Ihre Arme frei baumeln und achten Sie darauf, dass Becken und Schultergürtel leicht gegenläufig bewegen. Sie werden sich wundern, wie positiv sich diese kleine Änderung auf Ihren Körper auswirken wird.

Falls Sie sich etwas mehr für die Hintergründe interessieren, kann ich Ihnen das Swingwalker-Projekt des Therapeuten-Kollegen Dr. Adjo Zorn empfehlen, der sich wissenschaftlich mit dem Verhalten der Lumbar-Faszie beim Gehen unter Verwendung von kontralateralen Bewegungen beschäftigt. Soweit ich weiß, ist Herr Zorn zwar kein Ballenläufer aber zumindest zu diesem speziellen Teilaspekt bietet seine Seite ein paar interessante Animationen.

Kommentare:

  1. Hallo,

    was ist denn dann ihre Meinung zum Laufen und Sprinten hinsichtlich der Arme? Da ist ja "einfach baumeln lassen" eher schwierig, besonders beim sprinten. Aber wenn ich die Arme anziehe und schnell mitbewege, dann habe ich ja auch in gewisser Weise eine dauerhafte Spannung und somit eine eher krampfhafte Haltung, oder? Zumindest beim längeren Laufen, der Sprint dauert ja normalerweise nicht so lange.

    Grüße
    Philipp

    AntwortenLöschen
  2. Danke für die interessante Frage. Natürlich kommt beim Sprint eine zusätzliche Dynamik ins Spiel. Die Arme müssen eine gewisse Spannung aufweisen, da es einen sonst aus der Bahn werfen würde. Auch die diagonalen Strukturen halten aus diesem Grund die Bewegung etwas enger in Bezug auf kontralaterales Bewegen. Ganz klar. Aber auch hier gilt: nur so so viel Spannung wie nötig. Eine krampfhafte Anspannung wie man sie oft sieht führt eher dazu, dass sie sich in den Körper überträgt und kontralaterale Bewegungen behindert. Das macht das ganze Bewegungsmuster dann deutlich weniger energieeffizient und am Ende auch auf lange Sicht wahrscheinlich auch anfälliger für Folgeprobleme wie Spannungsschmerzen im unteren Rücken. Beim Gehen ist diese zusätzliche aber absolut überflüssig.

    AntwortenLöschen