Mittwoch, 15. Februar 2012

Sonderbares Schuhwerk Part II

Im Zusammenhang mit dem Ballengang kommt immer wieder die Frage nach dem passenden Schuhwerk auf. Kein Wunder, dass ein entsprechendes Kapitel daher auch im Buch "Einfach Ballengang – natürliches Gehen" zu finden ist. Interessanterweise macht sich der Laie häufig recht wenig Gedanken, was er denn da am Fuß trägt. Vielmehr akzeptiert er was ihm von den Designabteilungen und „Modezaren“ der Schuhbranche vorgesetzt wird. 

Ein kleiner Ausflug ins Lande Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Schuh) fördert dabei interessante Infos für den modernen Schuhträger zutage. Schuhe hatten demnach weit häufiger eine gesellschaftliche und statusbezogene Aufgabe als das sie funktionalen Bedürfnissen angepasst waren. So war es im alten Ägypten erst ab dem Status eines hohen Beamten oder Priesters überhaupt erlaubt, Sandalen zu tragen. Das Volk ging – ohne es zu wissen oder zu schätzen wesentlich gesünder – nämlich barfuß. Auch bei Griechen und Römern gab es strenge Vorschriften wer was zu tragen hatte.


Quelle: Wikipedia
Je näher die Gegenwart rückte desto unsinniger wurde die Schuhmode. Im Mittelalter waren beispielsweise sogenannte „Schnabelschuhe“ modern. Und was heute der V8 oder Porsche der etwas betuchteren Herren ist, war damals der Schuh, denn seine Länge sagte etwas über die Standeszugehörigkeit aus. Die Mächtigsten haben wie immer den längsten….Schuh (versteht sich ja von selbst). Und diese Angelegenheit war weiß Gott keine spaßige, denn die Kleiderordnung und damit auch die Schuhordnung war streng reglementiert.


Während die frühen Schuhe und die der einfachen Bevölkerung bis in weit jüngere Zeiten aus einfachen Leder-Konstruktionen bestanden, waren gerade die Schuhe der Reichen und Schönen mehr durch modische Erscheinungen geprägt als durch alles andere. So war die oben erwähnte Schnabelform ein Mitbringsel der Kreuzzüge. Dort hatte man sich entsprechende Schuhformen abgeschaut. Interessanterweise gab es auch immer breite Schuhe abseits dieser Modeexzesse. Diese dienten aber wohl eher der Arbeit. Klar, denn wer sich bewegen muss und körperlich etwas leistet, der ist mit langen Schnabelschuhen mehr als nur leicht behindert. Die breite Schuhmode wurde im 16 Jahrhundert sogar kurz modern.

Generell kann man aber sagen, dass das vermeidlich elegante Design von „Anzugschuhen“ auch heute noch weniger von Funktionalität als vielmehr von Mode geprägt ist. Und wen interessiert es da schon, wenn man sich selbst einen Hallux Valgus heranzüchtet. Hauptsache man sieht dabei schick aus. Tatsächlich symbolisiert solch ein Schuh zur gehobenen Businesskleidung im glänzenden Zustand, dass der Träger keiner körperlichen Arbeit nachgeht und zum Establishment gehört. Und selbst wenn er wollte, wäre es ihm kaum möglich, mit derartigen Fußgefängnissen auch nur irgendeine brauchbare körperliche Leistung abzurufen.

Interessant ist auch die Herkunft des Absatzes. Die ist nämlich nicht geklärt. Sozusagen die X-Akte der Schuhwelt. Wenn Sie diesen Blog lesen, stimmen Sie sicher mit mir überein, dass so ein Absatz funktional überhaupt keinen Sinn macht, die Statik des Körpers durch seine Keilform stört und natürlich auch den Ballengang behindert. Warum also einen Holzklotz unter die Ferse schnallen?

Der Wikipedia-Artikel gibt dabei einige Theorien an die Hand, die mir persönlich auch geläufig sind. Eine Version besagt, dass die Absätze das Reiten mit Steigbügeln erleichtern sollen, da man sich damit einfacher einhaken kann. Vom Schlachtfeld zur Paradeuniform und der „Tracht“ des Hofadels, der sich ja gerne einmal militärisch gab, zum reichen Kaufmann - schon war ein Trend geboren. Denn wer die Möglichkeit hatte, wollte natürlich wirken wie die Mächtigen und das fing bei den Schuhen an. Auch hier geht es offensichtlich nicht um Funktionalität. Status war so wichtig, dass es auch hier Regeln gab: Zu Zeiten des Sonnenkönigs war es beispielsweise nur dem König und hohen Adligen gestattet, rote Absätze zu tragen. Seltsam oder?

Eine weitere Theorie sieht den Ursprung in einer Art „Schmutzstelze“ (Bilder oben). Ohne Kanalisation begegneten den Stadtbewohnern ihre Notdurft und die ihrer Nachbarn gerne auf der Straße wieder. Um nicht „durch die Scheiße waten zu müssen“, bediente man sich hölzerner Überschuhe, die durch Absätze leicht erhöht waren. Man schwebte sozusagen „über den Dingen“. In der Regel wurden diese „Trippen“ angezogen, wenn man auf die Straße ging und wieder ausgezogen, wenn man das Haus betrat. Dazu trug man dünne Lederschuhe. Möglicherweise hat sich nach einer Zeit aus dieser Zweierkombination ein einzelner Schuh mit Absatz entwickelt.

Wie dem auch sei, ab dem 17. Jahrhundert setzten sich in ganz Europa Schuhe mit Absätzen durch. Die Männer machten auf groß und kriegerisch und den Frauen purzelten durch die veränderte Körperhaltung die Äpfelchen förmlich aus den Dekolletees und das nach hinten geschobene Becken mit Zurschaustellung des Musculus Gluteus Maximus wird den Männern ebenfalls gefallen haben. Man gefiel sich also gegenseitig und vor allem sich selbst. Wer so aussah hatte körperlich meist eh wenig „zu tun“.

Wenn ich heute auf die Straße gehe, dann sehe ich bei den meisten meiner Mitmenschen noch genau dieselben Trends, die es schon im Mittelalter gab. Oft bekomme ich sogar zu hören „Ja Herr Beckmann, die Menschen laufen doch schon so lange so rum, was soll also daran falsch sein?“ Darauf kann ich nur entgegnen, dass erstens nicht alle Menschen so herumliefen, denn die „einfache“ Bevölkerung hatte mit solchen Schuhmoden wenig zu tun und lief oft barfuß oder in minimalsten Schuhen. Und zweitens sollte man sich vor Augen halten, wie lange der Mensch barfuß oder in leichten Minimal-Schuhen über die Erde gelaufen ist und wie ähnlich dabei die Physionomie eines „Özi“ der unseren heute ist. Dabei wurden zu Fuß oft riesige Strecken überwunden. ICE und Flugzeug gab es ja noch nicht. Diese Menschen hatten also schon etwas „drauf“ und konnten mit dem was sie an den Füßen hatten (oder eben auch nicht) einiges leisten.

Glauben Sie abgesehen davon wirklich, dass die Evolution in den paar hundert Jahren, die die Masse Schuhe nach dem oben beschriebenen Muster trägt, dazu geführt hat, dass sich Ihre Füße angepasst hätten? Ich denke nicht. Und ich finde Knick-Senk-,-Spreiz- und wasweißichwas-Füße, Rückenbeschwerden, Haltungsprobleme und Fersensporne geben mir recht. ;-)

 

High-Performence-Schuhe ca.3500 v.CH. /Quelle: Wikipedia

 

 

 

 

 

 

 

 

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