Mittwoch, 17. August 2011

Laufen oder Gehen?


Die Themen „Barfußlaufen“ und „Barfußschuhe“ scheinen in der jüngsten Zeit in Deutschland an Fahrt zu gewinnen. In zahllosen Lauf-Foren und Blogs kann man Artikel von Menschen lesen, die ihren Laufstil vom Fersen- zum Ballengang umgestellt haben. Wobei es hier ja „Ballenlaufen“ heißen sollte. Da sich dieser Laufstil relativ automatisch einstellte, wenn wir barfuß laufen, ist auch der Barfuß-Trend im Laufsport im Moment wahnsinnig „hip“. Für diejenigen, die sich so viel Freiheit nicht zutrauen, hat eine stetig wachsende Anzahl von Schuherstellern sogenannte Barfußschuhe parat. Die Sache läuft also in eine gute Richtung.

Was ich persönlich sehr interessant finde, ist die Tatsache, dass das Thema Laufsport recht hoch aufgehängt wird, während der normale Ballengang im Alltag kaum Beachtung findet. Natürlich kann man es wie Prof. Daniel Lieberman halten, der mir in einer persönlichen Mail frei übersetzt schrieb: „Ballenlaufen JA, Ballengehen NEIN“, und davon ausgehen, dass dieses Bewegungsmuster eben nur ein Lauf- und kein Gangmuster ist. Für mich als Experten für Faszientherapie und Körperstruktur macht das jedoch keinen Sinn. Gehen und Laufen sind für mich im Wesentlichen die gleichen Bewegungsmuster, die sich lediglich durch die Verlagerung des Schwerpunks nach vorn und die damit einhergehende höhere Geschwindigkeit unterscheiden. Warum sollte hier also der Fuß auf zwei komplett unterschiedliche Arten benutzt werden? Das macht biomechanisch einfach keinen Sinn.


Dennoch boomen Laufbücher zu diesem Thema wie „Born to Run“ von Christopher MCDougall. Und auch die meisten Barfußschuhe zielen auf den Laufsport ab. Ich kenne Läufer, die begeistert in ihren Barfußschuhen über den Ballen laufen und in ihrer „Freizeit“ in völlig unfunktionalen Schuhen über die Ferse „abrollen“. Es kommt nicht selten vor, dass ich solche Menschen im Rahmen meiner Faszientherapie auf der Liege habe und dort in der zweiten Sitzung den Ballengang erkläre. Die stolzen Läufer entgegnen dann gerne „Kenn ich und kann ich schon“. Nur leider ist davon im Alltag nichts zu sehen. 

Da Sie liebe Leser wahrscheinlich eher in geringerer Anzahl zu einem Jäger- und Sammler-Stamm in der Savanne Afrikas oder zu einem Lauf-Volk in den Bergen Südamerikas gehören, werden Sie täglich (wenn Sie nicht gerade sitzen -- wahrscheinlich sitzen Sie tatsächlich eher krumm) wohl weit mehr Zeit mit dem Gehen verbringen als mit dem Laufen. Rechnen Sie diese Zeiten einmal auf ein Jahr oder die nächsten zehn Jahre hoch. Man spricht beim für den Menschen typischen Bewegungsmuster nicht ohne Grund vom „Aufrechten Gang“.

Was ich damit möchte ist, dass Sie sich wesentlich mehr Gedanken darüber machen sollten wie Sie sich im Alltag bewegen. Denn Ihr Körper passt sich den Bewegungsmustern an, die Sie am häufigsten ausführen. 10 Stunden Murks vs. 1 Stunde Ballenlaufen ist eine Rechnung, die leider der Murks für sich entscheiden wird. Natürlich zielen Sportartikelhersteller auf den Sportbereich und auch Laufgurus haben es leichter einen neuen Trend im Sportbereich anzubringen. Denn seien Sie mal ehrlich: Für den coolen Sporttreter in der Freizeit gibt man doch gerne mehr Geld aus als für den Alltagschuh und auch neue Bewegungsmuster sind im Sportbereich trendy und interessant. Es ist wesentlich wahrscheinlicher jemanden zum Barfußlaufen in seiner Freizeit zu überzeugen als ein neues Bewegungsmuster im Alltag auszuprobieren. „Was sollen denn die Kollegen denken, wenn ich plötzlich so komisch gehe oder meine Kunden. Und so komische Schuhe, nein das geht gar nicht.“ Von „barfuß“ brauchen wir in diesem Kontext nicht einmal reden, wenn Sie nicht gerade Surf-Lehrer sind.

Vielleicht denken Sie einmal darüber nach, wie Sie sich im Alltag bewegen. Und vielleicht gelingt es Ihnen aus einem Hobby ein für Sie in jeder Situation natürliches Bewegungsmuster zu machen. Wie viel wertvoller ist es wohl statt einer Stunde zehn Stunden etwas Gutes für sich zu tun?



Kommentare:

  1. Dr. med. H.-P. Greb7. März 2012 um 16:29

    Du sprichst mir wie immer aus dem Herzen.
    Dein Schreibstil ist flüssig und klar.
    www.godo-vision.de

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  2. Hey, tolle Seite. Ich habe auch mit dem Laufen angefangen, weil ich ständig Rückenschmerzen
    hatte. Durch das Joggen habe ich keine Schmerzen mehr und zudem meine
    Fitness verbessert. Toller Sport!Interessantes Buch

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  3. Vielen Dank. Laufen im Ballengang ist so mit das gesündeste was man machen kann. Gleich nach Ballen-Gehen :) Unbedingt auch mal in das Büchlein zum Blog schauen.
    Beste Grüße Frau Schmidt

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